Vor Kurzem hatte ich Besuch von einem langjährigen Freund. Wir kennen uns seit ungefähr 30 Jahren. Unsere Freundschaft reicht bis weit in die Schulzeit zurück.
Trotzdem verlief es bei uns so, wie es vermutlich viele Menschen kennen: „Wir müssen uns unbedingt mal wiedersehen.“
Und dann dauerte es doch wieder viele Monate, bis sich endlich eine Gelegenheit ergab. Wobei „bis man die Zeit dafür findet“ wahrscheinlich nicht ganz ehrlich formuliert ist. Treffender wäre vielleicht: Bis man sich die Zeit dafür nimmt.
Als ich das Treffen am nächsten Morgen mit meiner Partnerin Revue passieren ließ, waren wir uns schnell einig, wie schön der Taggewesen war. Daraus entstand ein grundsätzliches Gespräch über Freundschaften und soziale Kontakte:
Ich selbst nutze gern einen ziemlich anspruchsvollen Maßstab: Freunde sind die Menschen, bei denen ich mit Sack und Pack vor der Tür stehen kann, wenn ich zu Hause rausfliege, und die mich dann auch noch längere Zeit erdulden würden.
Aber muss wirklich jede Freundschaft diese Härteprüfung bestehen?
Vielleicht gehört zu manchen Menschen ein tiefes persönliches Gespräch. Mit anderen verbindet uns ein gemeinsames Hobby, die Schulzeit, ein berufliches Interesse oder einfach die Freude daran, gelegentlich gemeinsam essen zu gehen. Manche Kontakte sind über Jahre sehr eng und treten später in den Hintergrund. Andere Menschen begleiten uns nur während einer bestimmten Lebensphase und sind in dieser Zeit dennoch wichtig.
Und dann gibt es noch unbequemere Fragen:
Auf diese Fragen gibt es keine allgemeingültige Antwort. Sie lassen sich aber leichter beantworten, wenn wir unsere Kontakte einmal sichtbar vor uns sehen.
Im AktivA-Programm gibt es dazu eine Übung, die zunächst sehr einfach wirkt: das Kontaktdiagramm (zum Download).
Im ersten Schritt werden die Menschen gesammelt, die im eigenen Leben eine Rolle spielen. Das können Familienangehörige, Verwandte, Freunde, Bekannte oder Nachbarn sein. Enge Kontakte werden näher an der eigenen Person eingetragen, weniger enge Kontakte weiter außen. Freie Felder dürfen bestehen bleiben und zusätzliche Kontakte können ergänzt werden. Anschließend wird überlegt, welcher Kontakt häufiger oder intensiver werden soll.
Bei der Bearbeitung kann zusätzlich danach unterschieden werden, ob eine Person gerade sehr präsent ist oder eher im Hinterkopf auftaucht. Manchmal lassen sich Menschen auch kaum einzeln betrachten. Vielleicht trifft man ein befreundetes Paar fast ausschließlich gemeinsam oder erlebt bestimmte Personen vor allem als Teil der Familie.
Spannend ist, dass ein Kontaktdiagramm nicht immer gleich aussieht. Auch bei denselben Menschen können sich Nähe und Zuordnung verändern.
Es gibt Momente, in denen meine Partnerin und meine beiden Kinder für mich einen gemeinsamen Kreis bilden. In anderen Situationen stehen meine Partnerin und die Kinder getrennt voneinander. Manchmal haben sogar beide Kinder jeweils einen eigenen Platz. Das hängt davon ab, ob gerade die Familie als Ganzes im Vordergrund steht oder ob die einzelnen Beziehungen und Bedürfnisse stärker in den Blick rücken.
Das Diagramm bildet also keine objektive Rangordnung von Menschen ab. Es zeigt eine Momentaufnahme der eigenen Wahrnehmung.
Im nächsten Schritt wird überlegt: Zu wem möchte ich mehr Kontakt haben?
Falls mehrere Personen auftauchen, ist eine Priorisierung sinnvoll. Das Risiko ist sonst groß, voller Elan eine ganze Reihe von Kontakten auszuwählen. Man möchte endlich wieder den alten Schulfreund anrufen, regelmäßiger die Eltern besuchen, sich mehr mit Kolleginnen und Kollegen austauschen und zusätzlich neue Menschen kennenlernen.
In der Realität fehlen dann schnell Zeit und Kraft, um all diese Vorhaben umzusetzen. Oft gibt es schließlich Gründe dafür, dass die Kontakte bisher nicht intensiver waren.
Statt fünf Beziehungen gleichzeitig verändern zu wollen, kann deshalb ein einzelner nächster Schritt hilfreicher sein:
Die entscheidende Frage lautet nicht nur: „Wen müsste ich eigentlich mal wiedersehen?“, sondern: Für welchen Kontakt möchte ich mir wirklich Zeit nehmen?
Eine hilfreiche Erweiterung besteht darin, die eigenen Kontakte als mögliche Energiequellen und Energieräuber zu betrachten.
Dabei kann sich zeigen, dass wir zu manchen Energieräubern besonders häufig oder intensiv Kontakt haben, während stärkende Beziehungen kaum noch Platz finden.
Das bedeutet nicht, dass anstrengende Kontakte automatisch beendet werden sollten. Manche Beziehungen sind uns wichtig, obwohl sie zeitweise Kraft kosten. Einige Kontakte sind familiär oder beruflich nicht frei wählbar. Und auch eine grundsätzlich stärkende Beziehung kann in einer schwierigen Phase belastend sein.
Das Kontaktdiagramm lädt deshalb nicht zu einer schnellen Einteilung in „gute“ und „schlechte“ Menschen ein. Es hilft vielmehr, die Wirkung und Intensität verschiedener Kontakte bewusster wahrzunehmen.
Die Betrachtung kann auch auf ein konkretes Lebensziel bezogen werden. Wenn ich mich beispielsweise stärker um meine Gesundheit kümmern möchte, kann ich mich fragen:
Manchmal stellen wir fest, dass das eigene Umfeld kaum zum formulierten Ziel passt. Dann kann es notwendig sein, Unterstützung außerhalb des bisherigen Netzwerks zu suchen.
Es kann aber auch die umgekehrte Frage entstehen: Ist das wirklich mein eigenes Ziel oder hauptsächlich etwas, von dem ich glaube, dass ich es verfolgen sollte?
Nachdem die Kontakte betrachtet wurden, geht es um die Frage, was wir uns eigentlich von anderen Menschen erhoffen.
Im AktivA-Arbeitsmaterial werden vier Formen sozialer Unterstützung unterschieden: Wertschätzung, Informationen im Umgang mit Problemen, soziale Gesellschaft und praktische Hilfe. Abschließend wird auch betrachtet, welche Unterstützung man selbst anderen anbieten kann.
Manchmal möchten wir gesehen und anerkannt werden. Aber wofür genau wünschen wir uns Wertschätzung?
Ebenso wichtig ist die Frage, ob die ausgewählte Person diese Wertschätzung überhaupt geben kann.
Kann mich jemand für mein Handeln als Vater wertschätzen, wenn diese Person mich im Familienalltag nie erlebt? Können meine Kinder diese Anerkennung bereits ausdrücken oder sind sie dafür noch zu jung und befinden sich ohnehin in einer ganz anderen Rolle?
Nicht jede wichtige Person kann jedes Bedürfnis erfüllen.
In anderen Situationen brauchen wir Wissen, Erfahrungen oder eine hilfreiche Außenperspektive.
Fachliche Kompetenz allein genügt nicht immer. Ein Mensch kann viel über ein Thema wissen und trotzdem nicht die richtige Ansprechperson sein, wenn die Art der Rückmeldung für uns wenig hilfreich ist.
Nicht immer brauchen wir einen Rat, praktische Hilfe oder ausdrückliche Anerkennung. Manchmal möchten wir einfach nicht allein sein.
Vielleicht suchen wir jemanden, der mit ins Kino oder Restaurant kommt. Vielleicht möchten wir gemeinsam spazieren gehen, Sport treiben oder an etwas arbeiten. Dabei muss nicht einmal ununterbrochen gesprochen werden. Es kann bereits guttun, wenn eine andere Person anwesend ist.
Soziale Gesellschaft bedeutet dann: Jemand ist da, ohne dass sofort ein Problem gelöst werden muss.
Und schließlich gibt es Situationen, in denen ganz konkrete Unterstützung notwendig ist.
Wo komme ich allein an meine Grenzen, weil mir der liebe Gott beim Handwerken keinen dritten und vierten Arm mitgegeben hat? Wer könnte die Kinder aus der Kita abholen, wenn ich kurz vor der Schließzeit noch am anderen Ende der Stadt bin? Wer kann beim Tragen, Organisieren, Übersetzen oder Ausfüllen eines Formulars helfen?
Manchmal stellen Menschen bei dieser Betrachtung fest, dass geeignete Kontakte bereits vorhanden sind. Die mögliche Unterstützung war bisher nur nie Thema.
Gelegentlich tauchen auch fast „verschollene“ Kontakte wieder im Bewusstsein auf. Vielleicht gab es früher einen guten Austausch, der nicht durch einen Konflikt endete, sondern einfach im Alltag verloren ging. Auch daraus kann ein konkreter nächster Schritt entstehen.
Der letzte Schritt richtet den Blick auf die eigene Person: Was kann ich anderen Menschen geben?
Diese Frage wird häufig unterschätzt. Viele Menschen nehmen ihre eigenen Fähigkeiten als selbstverständlich wahr und können sie deshalb kaum benennen.
Vielleicht kann jemand besonders gut zuhören, mit Kindern umgehen, handwerklich unterstützen, komplizierte Informationen verständlich erklären oder in schwierigen Situationen Ruhe bewahren. Vielleicht ist jemand zuverlässig, kennt sich mit Behörden aus, kocht gern für andere oder sorgt einfach für angenehme Gesellschaft.
In der Beratung bieten sich dazu zirkuläre Fragen an:
Die Antworten machen oft Fähigkeiten sichtbar, die für die Person selbst längst selbstverständlich geworden sind.
Soziale Unterstützung bedeutet schließlich nicht nur, Hilfe zu erhalten. Sie lebt auch davon, sich selbst als jemanden wahrzunehmen, der anderen etwas geben kann.
Am Ende beantwortet das Kontaktdiagramm nicht die Frage, wie viele Freunde ein Mensch haben sollte. Es liefert auch keine allgemeingültige Definition einer guten Freundschaft.
Es hilft vielmehr dabei, genauer hinzusehen:
Vielleicht führt diese Reflexion dazu, einen Kontakt bewusster zu begrenzen. Vielleicht wird eine fast vergessene Freundschaft wieder aufgenommen. Vielleicht stellen wir auch fest, dass wir bereits mehr Unterstützung haben, als uns im Alltag bewusst ist.
Und manchmal besteht der erste Schritt einfach darin, nicht länger darauf zu warten, dass sich irgendwann eine Gelegenheit für ein Wiedersehen ergibt, sondern sich die Zeit dafür zu nehmen.
Das Kontaktdiagramm ist Bestandteil von Modul 3 „Soziale Kompetenz und soziale Unterstützung“ im AktivA-Programm. Das Arbeitsmaterial unterstützt dabei, Kontakte zu erfassen, gewünschte Veränderungen zu konkretisieren, den eigenen Unterstützungsbedarf zu betrachten und die eigenen Möglichkeiten zur Unterstützung anderer sichtbar zu machen.
Wenn Sie die Methode kennenlernen und AktivA selbst in Gruppen einsetzen möchten: Die nächste AktivA-Ausbildung für das Gruppensetting findet im November statt. Eine Anmeldung ist noch möglich: AktivA-Ausbildung als Kursleitung