Wenn ein guter Gesundheitstipp Widerstand erzeugt

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Egal ob in der Beratung oder im Coaching, es passiert ganz schnell: Wir sehen und hören unser Gegenüber und haben sofort einen Gedanken.

Vielleicht scheint es einen Zusammenhang zwischen bestimmten Verhaltensweisen und den geschilderten Belastungen zu geben. Wir schlucken den ersten Impuls herunter, hören weiter zu und hoffen, dass sich unsere vorschnelle Einschätzung wieder relativiert. Doch der Gedanke verschwindet nicht.

Sollte ich das ansprechen? Und wenn ja, wie?

Ein direkter Hinweis kann schließlich schnell wie Kritik, Diagnose oder Belehrung wirken. Im schlimmsten Fall entsteht sogar Beschämung. Das Gegenüber beginnt sich zu rechtfertigen, zieht sich zurück oder weist den Gedanken entschieden von sich.

Dabei war der Hinweis doch eigentlich gut gemeint.

Warum gute Absichten Widerstand erzeugen können

Wir alle haben über viele Jahre eine Vorstellung davon entwickelt, wer wir sind, wie wir leben und weshalb wir bestimmte Dinge tun oder nicht tun. Dazu gehören zahlreiche Überzeugungen und Erklärungen:

Solche Erklärungen sind nicht einfach nur Ausreden. Sie sind Teil einer persönlichen Lebensgeschichte. Sie helfen uns, Entscheidungen, Gewohnheiten und manchmal auch Widersprüche in ein stimmiges Bild der eigenen Person einzuordnen.

Max Frisch beschreibt dieses Dilemma in seinem Roman „Mein Name sei Gantenbein“. Darin verliert ein vermeintlicher Pechvogel seine Brieftasche, kurz nachdem er im Lotto gewonnen hat. Der Verlust passt zu seiner Geschichte als Pechvogel, der Gewinn hingegen nicht. Der Beobachter kommt zu dem Schluss:

„Ein anderes Ich, das ist kostspieliger als der Verlust einer vollen Brieftasche, versteht sich, er müsste die ganze Geschichte seines Lebens aufgeben, alle Vorkommnisse noch einmal erleben, und zwar anders, da sie nicht mehr zu seinem Ich passen.“

Genau an diesem Selbstverständnis können unsere gut gemeinten Hinweise rütteln.

Es geht dann nicht mehr nur um die Möglichkeit, heute Morgen etwas anders zu machen. Der Hinweis kann plötzlich die viel größere Bedeutung bekommen, dass die Person schon seit Jahren etwas hätte anders machen sollen. Vielleicht müsste sie vertraute Gewohnheiten infragestellen, eigene Entscheidungen neu bewerten oder sich mit unangenehmen Versäumnissen beschäftigen.

Das kann sich wie eine enorme Verantwortung anfühlen. Und je einfacher unser Tipp klingt, desto härter kann er beim Gegenüber ankommen:

„Du hättest es eigentlich längst ändern können. Es wäre doch ganz einfach gewesen.“

Auch wenn wir das niemals so sagen würden, kann genau diese Botschaft mitschwingen.

Was hilft also, wenn uns ein möglicher Zusammenhang auffällt und wir ihn nicht einfach übergehen möchten?

1. Sich daran erinnern, dass wir es nicht wissen

„Ich weiß, dass ich nichts weiß“ ist auch für Beratungsgespräche ein hilfreicher Ausgangspunkt.

Unser Kopf bietet uns oft schnelle und erstaunlich klare Erklärungen an. Wir hören von Schlafproblemen, Rückenschmerzen, fehlender Bewegung oder ungünstiger Ernährung und glauben zu wissen, was jetzt helfen müsste.

Doch so klar ist es selten.

Was für uns leicht umsetzbar ist, kann für einen anderen Menschen eine enorme Hürde darstellen. Umgekehrt gelingt unserem Gegenüber vielleicht etwas mühelos, woran wir selbst regelmäßig scheitern.

Auch vermeintlich eindeutige Gesundheitsempfehlungen verändern sich. Lebensmittel werden zeitweise als besonders gesund, später als problematisch und irgendwann differenzierter bewertet. Einzelne Studien werden verkürzt wiedergegeben, Empfehlungen verallgemeinert und aus komplexen Zusammenhängen entstehen einfache Regeln.

Das bedeutet nicht, dass jede Erkenntnis beliebig ist oder es keine fachlich begründeten Empfehlungen gibt. Es bedeutet aber, dass wir vorsichtig sein sollten, aus unserem begrenzten Wissen eine eindeutige Lösung für einen anderen Menschen abzuleiten.

Eine hilfreiche innere Haltung lautet deshalb:

Ich habe eine Vermutung. Aber ich kenne weder die ganze Situation noch die passende Lösung.

Diese Haltung schützt nicht vor jedem Fehler. Sie verändert jedoch die Art, wie wir fragen, zuhören und einen Gedanken zur Verfügung stellen.

2. Ohne Problem braucht es keine Lösung

Bevor wir eine Lösung anbieten, sollten wir klären, ob unser Gegenüber überhaupt ein Problem sieht.

Oder haben vor allem wir selbst ein Problem?

Wenn ein Klient von Rückenschmerzen erzählt, bedeutet das noch nicht automatisch, dass er diese zum zentralen Gegenstand der Beratung machen möchte. Auch der Satz „Ich würde so gern wieder mit meinen Kindern herumtollen“ klingt zunächst nach einem Ziel, sagt aber noch wenig darüber aus, was genau damit verbunden ist.

Statt sofort eine passende Maßnahme vorzuschlagen, könnten wir nachfragen:

„Was verbinden Sie damit, wieder mit Ihren Kindern herumzutollen?“

Oder:

„Was würde sich für Sie verändern, wenn das wieder möglich wäre?“

Vielleicht wird im Gespräch deutlich, dass es um Nähe zu den Kindern, um das eigene Selbstbild oder um die Sorge geht, nicht ausreichend am Familienleben teilhaben zu können. Vielleicht stellt sich aber auch heraus, dass das Thema für die Person gerade keine besondere Priorität besitzt.

Nicht nur die Lösung steckt im Konkreten. Häufig muss auch das Problem zunächst konkret werden.

Dabei sollten wir besonders auf eine mögliche Vermischung der Ziele achten. Ein gesundheitliches Thema darf nicht nur deshalb wichtig erscheinen, weil wir damit zugleich andere Ziele verbinden:

„Dann wäre die Person auch wieder näher an einer Arbeitsaufnahme.“ oder im privaten Umfeld: „Dann müsste ich mir die Beschwerden nicht mehr ständig anhören.“

Solche Gedanken sind menschlich. Gerade deshalb sollten wir sie wahrnehmen und von den Zielen unseres Gegenübers unterscheiden.

3. Die eigene Sorge zur Verfügung stellen

Manchmal bleibt eine Beobachtung auch nach sorgfältigem Zuhören bestehen. Sie beschäftigt uns, drängt sich immer wieder auf und sollte nicht einfach ignoriert werden.

In solchen Situationen nutze ich gern das Bild der Sorge.

Eine Sorge erhebt keinen Anspruch auf absolute Wahrheit. Sie beschreibt zunächst meine persönliche Wahrnehmung in der Beratung. Genau so kann ich sie auch benennen:

„Ich habe den Eindruck, dass es Ihnen schlechter geht als bei unserem letzten Gespräch. Sie berichten von mehr Stress, sprechen darüber aber weiterhin mit einem Lächeln. Bei mir entsteht die Sorge, dass sich Ihr gesundheitlicher Zustand weiter verschlechtern könnte und Sie es möglicherweise erst sehr spät bemerken. Wie erleben Sie das selbst?“

Ich sage damit nicht:

„Sie verdrängen Ihre Probleme.“

Ich sage auch nicht:

„Wenn Sie so weitermachen, werden Sie krank.“

Ich gebe vielmehr Einblick in meine Wahrnehmung und mache gleichzeitig deutlich, dass es sich um meine Sorge handelt. Das Gegenüber kann prüfen, ob daran etwas anschlussfähig ist.

Hilfreich ist eine solche Formulierung besonders bei sensiblen Themen, etwa bei einem möglicherweise problematischen Umgang mit Alkohol. Eine vorsichtig formulierte Sorge schafft Abstand zur Diagnose und kann das Risiko von Bevormundung oder Beschämung reduzieren.

Weitere mögliche Formulierungen sind:

Damit bleibt die Deutungshoheit beim Gegenüber.

4. Um Erlaubnis fragen

Mitunter bleibt der Impuls bestehen, eine konkrete Idee oder einen Rat anzubieten. Auch dann müssen wir ihn nicht einfach ungefragt aussprechen.

Wir können um Erlaubnis bitten:

„Darf ich Ihnen dazu einen Gedanken anbieten?“

oder:

„Ich hätte zwei mögliche Ideen. Möchten Sie diese hören oder wollen wir zunächst bei Ihren eigenen Überlegungen bleiben?“

Bereits diese kleine Frage kann einen wichtigen Unterschied machen. Das Gegenüber behält die Wahl und kann entscheiden, ob ein Rat in diesem Moment hilfreich ist.

Wenn die Erlaubnis vorliegt, empfiehlt es sich, nicht gleich die eine richtige Lösung zu präsentieren. Hilfreicher kann ein kleiner Blumenstrauß unterschiedlicher Möglichkeiten sein:

„Eine Möglichkeit könnte sein, zunächst zwei Wochen lang zu beobachten, wann die Beschwerden besonders stark auftreten. Eine andere wäre, das Thema ärztlich abklären zu lassen. Oder wir überlegen gemeinsam, welche kleine Veränderung im Alltag überhaupt realistisch wäre. Was davon erscheint Ihnen sinnvoll?“

Entscheidend ist die anschließende Frage nach der Einschätzung des Gegenübers. Ein Rat wird nicht dadurch gut, dass er fachlich plausibel klingt. Er muss auch zur Person, zu deren Alltag und zu deren Zielen passen.

Der Haken am guten Rat

Bei Ratschlägen sollten wir noch ein grundsätzliches Risiko im Blick behalten.

Wenn die Person unserer Idee folgt, können zwei Schwierigkeiten entstehen:

Die Idee funktioniert nicht: Dann kann der Eindruck entstehen, unsere Beratung sei fachlich wenig hilfreich gewesen. Das lässt sich noch vergleichsweise gut auffangen, wenn die Idee von Anfang an als Möglichkeit und nicht als Versprechen formuliert wurde.

Die Idee funktioniert: Das klingt zunächst ideal, kann aber ebenfalls problematisch werden. Die Person könnte lernen: „Ich muss nicht selbst nach Lösungen suchen. Ich muss nur wieder in die Beratung kommen und nach der nächsten Idee fragen.“ Damit wäre zwar eine langjährige Kundenbindung gesichert - in einer guten Beratung darf jedoch gerade das nicht das Ziel sein.

Das Ziel besteht nicht darin, für jedes Problem die passende Antwort bereitzuhalten. Gute Beratung unterstützt Menschen vielmehr dabei, eigene Beobachtungen ernst zu nehmen, Zusammenhänge zu erkennen, Möglichkeiten abzuwägen und selbst tragfähige Entscheidungen zu treffen.

Ein hilfreicher Gesundheitstipp ist deshalb manchmal gerade der Tipp, den wir nicht sofort geben.

Stattdessen können wir unser Nichtwissen anerkennen, genauer nach dem eigentlichen Problem fragen, eine Sorge behutsam zur Verfügung stellen und um Erlaubnis bitten, bevor wir eigene Ideen anbieten.

So wird aus gut gemeinter Einflussnahme ein Gespräch auf Augenhöhe.

2026-08-28
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