Wir haben uns an ein klares Muster gewöhnt und nennen es Work-Life-Balance: Auf der einen Seite ist die Arbeit, bei der wir buckeln und schuften, die uns stresst und im schlimmsten Fall kaputt macht. Auf der anderen Seite wartet die Freizeit, unser eigentliches Leben. Dort ist alles schön, leicht und voller Blumen.
Unser Gehirn mag solche einfachen Einteilungen: gut und schlecht, leicht und schwer, nett und böse. Auch Arbeit und Freizeit lassen sich auf diese Weise wunderbar sortieren.
Im konkreten Leben stößt diese Aufteilung allerdings schnell an ihre Grenzen. Plötzlich stellen wir fest, dass wir uns zu Hause oder im Urlaub gar nicht richtig erholen. Oder wir freuen uns jahrelang auf den Ruhestand und merken dann, dass der ersehnte Ausstieg aus der Arbeit auch ein Loch hinterlassen kann.
Vor Kurzem saß ich mit anderen Unternehmerinnen, Unternehmern und Selbstständigen in einer Gesprächsrunde. Mehrere erzählten, sie seien nach ihrem Urlaub noch nicht wieder richtig bei der Arbeit angekommen.
Als ich an der Reihe war, fiel mir auf: Bei mir fühlte es sich gerade erstaunlich stimmig an. Aber warum eigentlich? Was war in diesem Sommer anders gewesen?
Ich war lediglich eine Woche im Urlaub. Wir waren auf einem Bauernhof in Bayern, meine Kinder, meine Partnerin und ich. Es war unser erster kleiner gemeinsamer Familienurlaub.
Das Besondere daran war, dass dieser Urlaub eigentlich ziemlich unspektakulär verlief. Morgens öffneten wir die Tür und entließen die Kinder in die Freiheit. Zum Essen wurden sie zwischendurch wieder eingesammelt. Wir unternahmen kleinere Ausflüge, bereiteten Mahlzeiten zu, aßen gemeinsam und gingen mit dem Hund spazieren. Wir beobachteten die Tiere und konnten auf dem Hof hier und da mit anpacken, wenn wir wollten.
Für mich lag der größte Erholungswert aber wahrscheinlich in etwas anderem:
Es gab vor Ort rein gar nichts, was ich unbedingt sehen oder machen musste.
Keine lange Liste mit Sehenswürdigkeiten. Kein heimlicher Druck, die kostbare Urlaubswoche möglichst optimal zu nutzen. Kein Gefühl, am Abend prüfen zu müssen, ob der Tag ausreichend besonders gewesen war.
Mit dieser einen Urlaubswoche ist die Geschichte allerdings erst halb erzählt. Danach folgten noch zwei Wochen mit einer Mischung aus Homeoffice und Zaunbau.
Erholsam klingt das zunächst nicht unbedingt. Gerade am Anfang entstand durchaus Druck, weil vieles unklar war und ich nicht wusste, ob meine Planungen tatsächlich funktionieren würden. Hinzu kamen Arbeitszeiten, die aus Erholungssicht eher ungünstig waren. Wenn noch etwas betoniert werden musste, wurde es gelegentlich spät.
Wie man solche Projekte als Laie nun einmal angeht: Ich habe zeitliche Aufwände unterschätzt, hier und da etwas Lehrgeld gezahlt und auch körperlich manche Grenzerfahrung gesammelt.
Aber stoisch, Stück für Stück, ging es voran. Und irgendwann stand da tatsächlich ein fertiger Zaun. Ein sichtbares Ergebnis, an dem ich jeden Tag den eigenen Fortschritt erkennen konnte.
Auch die parallele Büroarbeit fühlte sich in diesen Wochen anders an. Im Sommer scheint vieles etwas mehr Zeit zu haben. Und wenn wir ehrlich sind, wäre diese Zeit wahrscheinlich auch zu anderen Jahreszeiten vorhanden. Dann wollen wir es nur häufig nicht wahrhaben und stürzen uns wieder in unser Hamsterrad aus Terminen, Idealen und Moralvorstellungen.
Vielleicht ist Erholung deshalb nicht nur eine Frage der Belastungsmenge. Es geht auch darum, welche Art von Belastung wir erleben und ob sie zu uns, zu unseren Bedürfnissen und zur jeweiligen Situation passt.
Eine Tätigkeit kann durchaus anstrengend sein und trotzdem guttun. Der Zaunbau war körperlich belastend. Gleichzeitig bot er einen Ausgleich zur geistigen Arbeit, erzeugte ein sichtbares Ergebnis und ließ mir viel Entscheidungsspielraum. Niemand erwartete, dass bis 14:30 Uhr drei Zaunfelder stehen mussten. Ich konnte den nächsten Schritt weitgehend selbst bestimmen.
Erholung kann deshalb auch dadurch entstehen, dass wir den Tätigkeitsmodus wechseln:
Es darf also auch anstrengende Projekte, anspruchsvolle Konzepte oder körperliche Arbeit geben. Manchmal tut dazwischen sogar eine eher monotone Tätigkeit gut, bei der Materialien gepackt, Unterlagen sortiert oder Dinge aufgeräumt werden.
Im Arbeitskontext hört man bei solchen Aufgaben gelegentlich: „Das steht nicht in meinem Arbeitsvertrag.“ Formal mag das stimmen. Trotzdem kann es wohltuend sein, zeitweise etwas anderes zu tun, andere Ressourcen zu beanspruchen und ein unmittelbares Ergebnis der eigenen Arbeit zu sehen. Nebenbei kann dies auch den Blick dafür schärfen, was andere Menschen täglich leisten.
Bevor wir also den nächsten Urlaub planen oder einfach nur hoffen, irgendwann wieder ausreichend Zeit für Erholung zu finden, könnten wir uns vier Fragen stellen:
Das Schmerzhafte und zugleich Schöne an diesen Fragen ist: Am Ende stellen wir möglicherweise fest, dass wir selbst auf vieles Einfluss nehmen können.
Vielleicht gehen wir nach Feierabend doch wieder zum Sport. Vielleicht verabreden wir uns mit Menschen, die uns wichtig sind. Vielleicht beginnen wir ein persönliches Projekt, das uns Sinn und ein sichtbares Ergebnis ermöglicht. Oder wir lassen für ein paar Stunden bewusst die Vorstellung los, jede verfügbare Minute optimal nutzen zu müssen.
Erholung beginnt dann nicht erst mit dem vollständigen Ausstieg. Manchmal beginnt sie ganz unspektakulär mit einem anderen Takt.