Buchvorstellung: Die Psychologie der Macht

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Macht ist ein Thema, über das in Organisationen erstaunlich wenig offen gesprochen wird. Dabei ist sie überall vorhanden: in Rollen, Entscheidungswegen, informellen Netzwerken, Führungssituationen, Konflikten und manchmal auch in sehr kleinen Interaktionen des Arbeitsalltags.

Gerade deshalb hat mich das Buch „Die Psychologie der Macht“ von Carsten C. Schermuly besonders angesprochen. Ich habe es als Hörbuch gehört und war vor allem von der wissenschaftlichen Fundierung beeindruckt. Das Buch bleibt nicht bei einfachen Behauptungen oder schnellen Führungstipps stehen, sondern ordnet Macht psychologisch ein, diskutiert unterschiedliche Hypothesen und bezieht sich immer wieder auf Studien und Forschungsergebnisse.

Das macht das Buch aus meiner Sicht besonders wertvoll: Macht wird nicht vorschnell moralisch bewertet. Sie wird auch nicht nur als etwas Negatives beschrieben. Stattdessen entsteht ein differenzierter Blick darauf, wie Macht entsteht, wie sie wirkt und was sie mit Menschen machen kann - mit denen, die Macht haben, und mit denen, die von Macht betroffen sind.

Besonders hilfreich fand ich die gute Struktur des Buches. Es geht nicht nur darum, Macht allgemein zu beschreiben, sondern auch darum, sie auf verschiedenen Ebenen zu verstehen: individuell, zwischenmenschlich und organisational. Dadurch wird deutlich, dass Macht nicht einfach nur eine Eigenschaft einzelner Personen ist. Sie entsteht auch durch Strukturen, durch Auswahlprozesse, durch Kultur, durch Gewohnheiten und durch die Frage, wer in Organisationen wofür Einfluss bekommt.

Mein persönliches Highlight war, dass das Buch nicht bei der Analyse stehen bleibt. Neben der fundierten Verortung von Macht enthält es konkrete Handlungsimpulse. Auf individueller Ebene geht es beispielsweise um kritische Selbstreflexion: Wie gehe ich selbst mit Einfluss um? Wo nutze ich Macht verantwortlich - und wo vielleicht unbewusst zu meinem eigenen Vorteil? Auf Organisationsebene stellt sich unter anderem die Frage, wie Auswahlverfahren, Entscheidungswege und Machtstrukturen gestaltet werden können, damit Macht nicht zufällig oder einseitig wirkt, sondern verantwortungsvoll eingebettet wird.

Für meine eigene Arbeit ist das Thema sehr anschlussfähig. In Führungskräfteschulungen begegnen mir Fragen rund um Macht, Einfluss und Verantwortung regelmäßig - manchmal ausdrücklich, manchmal eher indirekt. In Seminaren wie „Machtspiele konstruktiv auflösen“ oder in Workshops zu Führungs-Spannungsfeldern geht es häufig genau darum: Wie bleibe ich klar, ohne hart zu werden? Wie nutze ich meine Führungsrolle, ohne in ungute Machtdynamiken einzusteigen? Wie kann ich Einfluss nehmen, ohne zu manipulieren? Und wie erkenne ich Situationen, in denen sich Menschen in Verteidigung, Rechtfertigung, Rückzug oder verdeckte Spiele retten?

Das Buch liefert dafür keine einfachen Rezepte - und genau das ist eine Stärke. Es lädt dazu ein, genauer hinzuschauen. Macht ist nicht dadurch gelöst, dass man sie vermeidet oder so tut, als spiele sie keine Rolle. Verantwortlicher Umgang mit Macht beginnt aus meiner Sicht damit, dass wir sie wahrnehmen, benennen und reflektieren können.

Auch der psychologische Blick des Autors war für mich ein wichtiger Pluspunkt. Carsten C. Schermuly betrachtet Macht nicht nur aus einer gesellschaftlichen oder organisationspraktischen Perspektive, sondern macht sichtbar, welche psychologischen Prozesse dahinterstehen. Das passt gut zu vielen Fragen, die in Führung, Beratung und Zusammenarbeit immer wieder auftauchen: Wie verändert Einfluss unser Verhalten? Wie reagieren Menschen auf Machtverlust? Warum stabilisieren sich bestimmte Dynamiken in Teams oder Organisationen? Und was hilft, um Macht nicht nur zu besitzen, sondern verantwortlich zu gestalten?

Ich kann „Die Psychologie der Macht“ daher vollumfänglich empfehlen - besonders für Führungskräfte, Personalverantwortliche, die Organisationsentwicklung sowie alle, die Zusammenarbeit, Führung und Einfluss bewusster verstehen möchten.

Für mich ist das Buch kein Ratgeber im Sinne von „So setzen Sie sich durch“. Es ist eher eine Einladung, sich mit einem Thema auseinanderzusetzen, das in Organisationen ohnehin wirkt. Je bewusster wir damit umgehen, desto größer ist die Chance, Macht nicht für verdeckte Spiele, sondern für Klarheit, Verantwortung und Entwicklung zu nutzen.

Buchtipp: Carsten C. Schermuly: Die Psychologie der Macht. Wie sie uns und das Zusammenleben prägt.

2026-05-04
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