Und es geht doch! – Coaching online

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Als ich im Juni letzten Jahres einen Beitrag zur Ausweitung des Coachingangebots geschrieben habe, war ich der festen Meinung, dass ein richtiges Coaching nur in Präsenz funktioniert – Wenn Coach und Coachee sich gegenübersitzen. Das war auch in Ordnung für mich, weil ich davon ausgegangen bin, dass für mich keine Notwendigkeit für ein Online-Coaching besteht. Nun kam allerdings etwas Pech (oder gar Glück) dazu, sodass ich die Zertifizierung zum Systemischen Business Coach nicht im ersten Anlauf bestand und die späteren Termine aufgrund der aktuellen Pandemie nur online möglich waren. Da die Zertifizierung im Rahmen eines Live-Coachings für mich schon essenziell war, blieb mir nichts anderes übrig als meine Glaubenssätze etwas beiseite zu legen und mich auf neues Terrain zu begeben.

Dennoch waren vielen Gedanken bei mir präsent, wie:

  1. „Ich kann als Coach online Menschen nicht so gut erreichen wie in Präsenz – die Ablenkung ist viel zu hoch.“
  2. „Ich kann Coachees online nicht einschätzen, weil ich Mimik, Gestik und Körperhaltung nur sehr eingeschränkt wahrnehme.“
  3. „Ich kann Präsenz-Techniken nur in abgeschwächter Form online umsetzen.“

Zwei Monate später habe ich – wieder mal – die Welt etwas anders gesehen. Welche Erfahrungen haben mir dabei geholfen? Zum einen die Durchführung vieler Online-Coachings als auch die zugehörige Supervision mit Kolleginnen und Kollegen, um mich methodisch weiterzuentwickeln. Das Ergebnis war recht eindeutig:

  1. Ich kann als Coach Menschen online ausgezeichnet erreichen, wenn es klare Spielregeln gibt. Wenn also die E-Mail-Benachrichtigungen genauso deaktiviert werden, wie das Handy bei Präsenztreffen stummgeschaltet wird, gibt es auch keinen Unterschied mehr. Und genauso wenig, wie jemand bei einem Coaching in Präsenz seine Kinder mitbringt, so gilt das auch für das Online-Format: keine parallele Kinderbetreuung. Meiner Erfahrung nach ist die Herausforderung, dass ich nicht selbst der Verlockung erliegen darf, dass „online“ gleichzusetzen ist mit „parallel“: Es darf immer nur eine Tätigkeit für jeden Moment geben und davor und danach sollte ich mir genug Zeit zur Reflexion geben. Das betrifft nicht nur Coaching.
  2. Mimik, Gestik und Körperhaltungen online wahrzunehmen ist mir wahrlich bisher nie besser gelungen als in Präsenz. Gleichzeitig führen viele Coaches seit Jahren (wahrscheinlich Jahrzehnten) Telefoncoachings und die haben ja scheinbar ebenfalls funktioniert. Was war passiert? Der Großteil meiner Erfahrungen basierte auf Präsenzsituationen, damit bin ich quasi „groß geworden“. Diese habe ich häufig als „erfolgreich“ wahrgenommen und dabei immer stark auf meine Mitmenschen geachtet. Und so haben sich beide Punkte verknüpft: Eine starke Berücksichtigung von Mimik, Gestik und Körperhaltung ist grundlegend für eine erfolgreiche Interaktion. Und nun? In den letzten Wochen/Monaten habe ich immer wieder gemerkt, dass eine Interaktion häufig dann erfolgreich ist, wenn beide Parteien gemeinsam an einem Ziel arbeiten. Offenheit und Wertschätzung erlauben es auch, die eine oder andere Mimik, Gestik oder Körperhaltung zu übersehen.
  3. Präsenztechniken funktionieren online natürlich nur sehr eingeschränkt – zum Glück! Ich habe für mich gemerkt, dass sich mein Blick ändern musste: Weg von dem, was alles nicht mehr so gut funktioniert (z. B. Bodenanker bei Aufstellungen), hin zu dem, was viel besser funktioniert (Strukturen verdeutlichen, Ergebnisse dokumentieren): Wie oft habe ich mich vorher geärgert, dass Aufstellungen auf den Fotos nie so wirkten wie in der Realität? Wie oft sind wichtige Gedanken (z. B. bei der Glaubenssatzarbeit) im Laufe des Gesprächs abhandengekommen? Plötzlich kann ich nicht nur mündlich reflektieren, sondern auch visuell und das deutlich flexibler als auf einem Flipchart oder Whiteboard. Nun bekommt jeder Coachee seine Ergebnisse automatisch dokumentiert.

Mein Fazit: Online-Coaching eröffnet ganz neue Räume und ist auf jeden Fall einen Blick Wert!

 

Von Roland Schulz

2021-02-18